Die Rolle von Fehleinschätzungen bei der BAföG-Inanspruchnahme

Forschungsbericht (importiert) 2025 - Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik

Autoren
Sebastian Riedmiller
Abteilungen
Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik, Bonn
Zusammenfassung
Die Hälfte der BAföG-Berechtigten stellt keinen Antrag. Unsere Studie mit 22.000 Studierenden in Deutschland zeigt: Viele BAföG-berechtigte Nichtbeziehende wissen nicht, dass sie berechtigt sind. Sie unterschätzen, wie viel BAföG man bekommen kann und wie viel Eltern verdienen dürfen, und überschätzen die Rückzahlung des BAföGs systematisch. Eine gezielte Informationsintervention senkt diese Fehleinschätzungen deutlich und führt zu signifikant mehr BAföG-Inanspruchnahme, besonders bei sozial schwächeren Studierenden. Der BAföG-Bezug steigert das verfügbare Einkommen und entlastet Eltern.

Finanzielle Hürden während des Studiums

Studierende haben oft finanzielle Sorgen. In Deutschland gelten 77 % der Studierenden, die alleine oder mit anderen Studierenden zusammenwohnen, als armutsgefährdet [1]. Finanzielle Engpässe während des Studiums führen nachweislich zu höheren Abbruchquoten, einem langsameren Studientempo, schlechterer Gesundheit und einem höheren Bedarf an bezahlter Arbeit [2, 3]. Trotz Reformen sinken die BAföG-Zahlen gleichzeitig seit Jahren [4]. Dies wirft die Frage auf, warum Studierende trotz Berechtigung kein BAföG beantragen und wie man die BAföG-Inanspruchnahme erhöht?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir eine Studie mit 22.000 Studierenden in ganz Deutschland durchgeführt [5]. Dabei haben wir in einer Online-Umfrage anhand von hypothetischen Beispielfällen gemessen, ob Studierende Fehleinschätzungen zu den BAföG-Rahmenbedingungen haben – also die BAföG-Höhe, das mögliche Einkommen der Eltern und die BAföG-Rückzahlung. Zusätzlich haben wir Studierende ohne BAföG gefragt, ob sie denken, berechtigt zu sein. Durch einen eingebetteten BAföG-Rechner wissen wir, wer tatsächlich BAföG-berechtigt ist. Diese Information haben wir für ein Experiment genutzt. Eine zufällig ausgewählte Hälfte der Studierenden bekamen am Ende der Umfrage gezielte Informationen zu den BAföG-Rahmenbedingungen und den eigenen Anspruch. Mithilfe von Folgebefragungen sechs und zwölf Monate später haben wir untersucht, inwiefern diese Informationen zu einer Korrektur der Fehleinschätzungen und zu mehr BAföG-Inanspruchnahme geführt haben.

Ausmaß der Nicht-Inanspruchnahme

Hochgerechnet auf ganz Deutschland nehmen bis zu 70 % der BAföG-berechtigten Studierenden keine Leistungen in Anspruch. Diese Gruppe verzichtet im Durchschnitt auf 492 € monatlich. Von den Nichtempfängern und -empfängerinnen glauben 82,2 % irrtümlicherweise, nicht berechtigt zu sein. Weitere 13,2 % stellen keinen Antrag, obwohl sie ihre Berechtigung kennen.

Fehleinschätzungen

Studierende schätzen das BAföG systematisch schlechter ein, als es ist. Im Durchschnitt unterschätzten sie die monatliche BAföG-Förderhöhe um 262 € (48,7 %), die Einkommensgrenzen der Eltern um 16.679 € jährlich (26,9 %) und überschätzen die Rückzahlungssumme um 2.868 € (46,6 %). Eine Mehrheit von 62,5 % der Studierenden hat diese pessimistische Einschätzung zum BAföG in allen drei Bereichen gleichzeitig.

Das Problem dabei ist, dass die Nichtinanspruchnahme häufig mit diesen pessimistischen Einschätzungen einhergeht (siehe Abbildung 1). Von den Studierenden, die fälschlicherweise denken, nicht BAföG-berechtigt zu sein, geben 59 % an, dass das Einkommen ihrer Eltern zu hoch sei. Gleichzeitig unterschätzt die Mehrheit dieser Gruppe allerdings die Elterneinkommensgrenzen im BAföG deutlich. Ein ähnlicher Zusammenhang zeigt sich bei den Studierenden, die bewusst auf BAföG verzichten. Obwohl 62 % dieser Gruppe angeben, dass Schuldenaversion der Grund für die Nichtinanspruchnahme sei, weiß die Mehrheit nicht, dass nur die Hälfte und maximal 10.010 € des BAföGs zurückgezahlt werden muss. Bei der Frage, ab welchem erwarteten BAföG-Betrag die Studierenden einen Antrag stellen würden, geben mehr als die Hälfte der Berechtigten eine BAföG-Höhe an, die unter ihrem tatsächlich erwartbaren BAföG liegt. Dies zeigt, dass die Fehleinschätzungen stark mit der Nichtinanspruchnahme verknüpft sind.

Wirkung der Informationsintervention

Die Informationsintervention schafft an dieser Stelle Abhilfe und reduziert Fehleinschätzungen signifikant. Während die Kontrollgruppe ihre eigene Berechtigung sechs Monate nach der ersten Befragung nur in 11 % der Fälle realisiert, sind es in der Interventionsgruppe 17 %. Bei den BAföG-Rahmenbedingungen korrigieren Studierende in der Kontrollgruppe ihre Fehleinschätzungen um 10 % und in der Interventionsgruppe um 13 %, bei den Rückzahlungen um 25 % bzw. 36 %. Insgesamt führt die Informationsintervention also dazu, dass Studierende das BAföG besser verstehen und gleichzeitig ihre eigene Berechtigung vermehrt realisieren.

Diese Korrektur der Fehleinschätzungen schlägt sich auch in der BAföG-Inanspruchnahme nieder (siehe Abbildung 2). Während in der Kontrollgruppe innerhalb eines Jahres 2,4 % der Studierenden BAföG in Anspruch nehmen, sind es in der Interventionsgruppe 3,5 %. Dies entspricht einem Interventionseffekt von 1,1 Prozentpunkten (46 %). Dieser Effekt ist getrieben von BAföG-berechtigten Studierenden, bei denen die Intervention zu einer höheren Inanspruchnahme von 2,7 Prozentpunkten (67 %) führt.

Soziale Auswirkungen

Die Intervention war besonders effektiv bei Studierenden mit niedrigem sozioökonomischem Status und geringem Einkommen. Die Inanspruchnahme des BAföG führte zu signifikanten finanziellen Entlastungen. Studierende mit BAföG hatten im Vergleich zu Berechtigten ohne BAföG insgesamt mehr Geld pro Monat zur Verfügung und mussten weniger arbeiten. Gleichzeitig reduzierte sich die finanzielle Belastung für ihre Eltern, da diese ihre Kinder finanziell weniger unterstützen mussten.

Implikationen für die Praxis

Die Ergebnisse zeigen das Potenzial der Intervention auf nationaler Ebene: Würden die Informationen allen Studierenden in Deutschland bereitgestellt, könnten jährlich rund 180 Millionen Euro BAföG zusätzlich ausgeschüttet werden. Die Studie belegt, dass gezielte Informationsinterventionen ein wirksames Mittel sind, um Fehleinschätzungen zu korrigieren und die BAföG-Inanspruchnahme zu erhöhen – insbesondere bei sozial benachteiligten Gruppen. Durch die Entlastung von Studierenden und deren Eltern trägt diese Maßnahme zur Reduzierung sozialer Ungleichheiten im Bildungssystem bei. Für die Praxis bieten diese Erkenntnisse konkrete Ansatzpunkte für kosteneffiziente Maßnahmen zur Förderung des BAföG. Aktuell evaluieren wir einen Chatbot, der als niedrigschwellige Lösung für die BAföG-Beratung und den Informationserhalt wirken kann.

Literaturhinweise

Destatis
Die Hälfte der Studierenden mit eigener Haushaltsführung hat weniger als 867 Euro im Monat zur Verfügung
N044, Statistisches Bundesamt, (2026)
Stinebrickner, R.; Stinebrickner, T.
The Effect of Credit Constraints on the College Drop-Out Decision: A Direct Approach Using a New Panel Study
American Economic Review 98(5), 2163–2184 (2008)
Black, S. E.; Denning, J. T.; Dettling, L. J.; Goodman. S; Turner, L. J.
Taking It to the Limit: Effects of Increased Student Loan Availability on Attainment, Earnings, and Financial Well-Being
American Economic Review 113(12), 3357–3400 (2023)
Deutscher Bundestag
Dreiundzwanzigster Bericht nach § 35 des Bundesausbildungsförderungsgesetzes zur Überprüfung der Bedarfssätze, Freibeträge sowie Vomhundertsätze und Höchstbeträge nach § 21 Absatz 2
Bundesregierung Deutschland (2023)
Riedmiller, S.; Strobl. S.
BAföG und die Rolle von Fehleinschätzungen – Eine Zusammenfassung
Fraunhofer FIT Whitepaper (2025)
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