Die Lösungen sozialer Dilemmata und der Wandel informeller Institutionen
Andrea Eisenberg
1999Wirtschaftliche Entwicklung wird zu einem großen Teil von Institutionen bestimmt. Daher ist die Erklärung von Wandlungsprozeßen von Institutionen eine der wichtigen Fragen der Institutionenökonomik. Während formelle Institutionen durch zentrale Instanzen durchgesetzt werden, unterliegen informelle Institutionen der dezentralen Durchsetzung durch alle Gruppenmitglieder. Infolgedessen unterliegt die Erstellung und Erhaltung informeller Institutionen in einer Gruppe dem Problem kollektiven Handelns. Bestehen sie einmal, können alle Mitglieder einer Gruppe auf sie zurückgreifen, um soziale Dilemmata zu lösen, unabhängig, ob sie zu ihrer Erhaltung beigetragen haben oder nicht.
In vorliegendem Papier wird ein Modell entwickelt, in welchem die Akteure fünf Handlungsoptionen haben:
- Kooperation: Der Akteur beteiligt sich an der Erstellung des kollektiven Gutes informelle Institution, d.h. er sanktioniert sowohl Normbrecher als auch Trittbrettfahrer, dies sind Gruppenmitglieder, die sich nicht an der Bestrafung von Normbrechern beteiligen.
- Defektion: Akteure, die diese Strategie wählen, beteiligen sich weder an der Bestrafung von Normbrechern, noch bestrafen sie Trittbrettfahrer.
- Rückkehr zu individuellen Lösungen: Eine Subgruppe von Akteuren entwickelt eigene Möglichkeiten zur Lösung sozialer Dilemmata ohne die Nutzung der bestehenden Institution. Dieses Verhalten wird von anderen zunächst als Defektion wahrgenommen.
- Voice: Akteure versuchen durch das Ausüben von Widerspruch eine Veränderung der bestehenden informellen Institution zu erreichen.
- Exit: Akteure wandern aus der Gruppe und dem Geltungsbereich der informellen Institution ab, entweder in eine andere Gruppe oder in einen institutionenfreien Raum.
Des weiteren wird angenommen, daß der Nutzen der fünf Strategien frequenzabhängig ist. D.h., daß der Nutzen davon abhängt, welche Strategien alle anderen Akteure in der Gruppe verwenden. Das Instrument zur Beurteilung der Anreize für die Akteure bei einem bestimmten n (Anteil der kooperativen Akteure) ist das Kooperations-Defektions-Differential (CDD), welches die Höhe der Differenz zwischen dem Nutzen der kooperativen und der defekten Strategie bezeichnet.
Unter der Annahme frequenzabhängiger Strategien konnten folgenden Aussagen über die Stabilität informeller Institutionen gemacht werden:
- Ein Mitglied einer Gruppe wird eine Norm unterstützen, wenn es ein positives Kooperations-Defektions-Differential realisiert und gleichzeitig der Nutzen der kooperativen Strategie größer ist als der erwartete Nutzen aus den Handlungsalternativen Rückkehr zu individuellen Lösungen, Voice und Exit.
- Je niedriger der Kooperationsgewinn und die Entdeckungswahrscheinlichkeit und je höher die Aufwendungen für Sanktionen, um so größer muß der Anteil der Gruppenmitglieder sein, die sich kooperativ verhalten, damit die informelle Institution stabil ist. Im Modell wird dies durch den Ort des Schnittpunktes zwischen kooperativer und defekter Strategie beschrieben.
- Drei Faktoren bedrohen in jeder Gruppe die Stabilität: Ein Verschieben des Schnittpunktes nach links, d.h. eine Erhöhung der erforderlichen Anzahl kooperativer Mitglieder, starke Fluktuationen des Gruppenzustandes und Aktionen von Gruppenmitgliedern, deren Nutzen aus Kooperation bei positivem Kooperations-Defektions-Differential kleiner ist als die erwarteten Auszahlungen von Handlungsalternativen und deren Reaktionen einen negativen Rückkopplungsprozeß auslösen können.
- Je stärker die endogen bedingten Schwankungen des Gruppenzustandes aufgrund positiver Transaktionskosten und unvollständiger Information sind, desto eher ist die Stabilität der informellen Institution gefährdet. Die Stärke der Schwankungen ist gering, wenn der Inhalt der Norm sehr klar definiert ist und dies auch möglichst vielen Akteuren bekannt ist, wenn Handlungen der Akteure eindeutig interpretiert werden können und wenn auch Sanktionen eindeutig als solche erkannt werden.
- In einer homogenen Gruppe ist die Stabilität bedroht, wenn durch exogene Veränderungen der Schnittpunkt soweit verschoben wird, daß 1) auch bei einer hundertprozentigen Beteiligung alle Akteure ein negatives Kooperations-Defektions-Differential realisieren oder 2) die erforderliche Anzahl kooperativer Akteure sehr stark ansteigt.
- Durch exogene Einflüsse kann aus einer homogenen eine heterogene Gruppe werden. Heterogene Gruppen werden in den meisten Fällen instabiler als homogene sein. Eine Ausnahme bildet der Fall einer homogenen Gruppe, deren Schnittpunkt nahe n=100 liegt.
- In einer heterogenen Gruppe ist die Stabilität hoch, wenn alle Subgruppen ein hohes Kooperations-Defektions-Differential haben, d.h. der Schnittpunkt weit rechts liegt. Dann ist es von Vorteil, wenn die Schnittpunkte der Subgruppen dicht beieinander liegen. Dies erleichtert eine Wegentwicklung von einem Defektionsgleichgewicht.
- Eine heterogene Gruppe ist dagegen instabil, wenn die Schnittpunkte der Subgruppen nahe beieinander liegen, jedoch alle weit am linken Rand. Dann steigt die Gefahr, daß durch Fluktuationen des Gruppenzustandes die Schnittpunkte übersprungen werden.
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Für die Stabilität einer heterogenen Gruppe ist der entscheidende Faktor der Ort der Schnittpunkte und sein Verhältnis zum Anteil der Subgruppe an der Gesamtgruppe. Dabei sind drei grundlegende Fälle denkbar, die in folgender Tabelle dargestellt werden.
Subgruppe 1 Subgruppe 2 Subgruppe 3 Schnittpunkt bei n = 30% 50% 80% Anteil an der Gesamtgruppe: Fall 1 70% 15% 15% Fall 2a 60% 15% 25% Fall 2b 45% 40% 15% Fall 3 15% 30% 55% Im ersten Fall ist die Gruppe stabil und ihr Zustand wird nach Störungen zum Gleichgewicht vollständiger Kooperation zurückkehren. Die Bedingung hierfür ist, daß der Anteil einer Subgruppe und aller schlechter gestellten Subgruppen kleiner ist als der Abstand zwischen dem Schnittpunkt der Gruppe und dem Gleichgewicht vollständiger Kooperation. Diese Bedingung gilt nicht für die am besten gestellte Gruppe. Diese Bedingung bedeutet letztlich, daß selbst, wenn alle Mitglieder einer Subgruppe defektieren, trotzdem alle ein positives Kooperations-Defektions-Differential realisieren, da die Subgruppe so wenig Mitglieder hat, daß ihr eigener Schnittpunkt nicht überschritten wird. Obiges Beispiel verdeutlicht das Argument. Die Subgruppen 3 und 2 haben gemeinsam einen Anteil von 30% an der Gesamtgruppe. Defektieren die Mitglieder beider Gruppen, bleibt ein Anteil kooperativ Handelnder von 70%. Für Gruppe 2 gilt aber die Bedingung, daß sie ein positives Kooperations-Defektions-Differential realisiert, wenn nur 50% der Gruppenmitglieder kooperieren. Daher können sich die Mitglieder der Gruppe 2 verbessern, wenn sie kooperieren. Das Ergebnis ist ein Kooperationsanteil von 85%. Jetzt kann sich auch Gruppe 3, deren erforderlicher Anteil bei 80% liegt, verbessern.
In den Fällen 2a und 2b ist der Anteil einer Gruppe größer als der Abstand zwischen ihrem Schnittpunkt und dem Kooperationsgleichgewicht. Im Fall 2a wird ein stabiles Gleichgewicht zwischen den Schnittpunkten der Gruppe 3 und der Gruppe 2 erreicht. Im Fall 2b dagegen wird das Gleichgewicht zwischen den Schnittpunkten der Gruppe 2 und 1 liegen.
Im Fall 3 wird das Gleichgewicht vollständiger Defektion erreicht, da hier der Anteil jeder Subgruppe so groß ist, daß im Falle von Defektion durch diese Sub gruppe, der Schnittpunkt der nächst bessergestellten Gruppe übersprungen wird. Im obigen Beispiel würde Defektion der Mitglieder der Subgruppe 3 zu einem Kooperationsanteil von 45% führen. Hier realisiert jedoch auch Gruppe 2 ein negatives Kooperations-Defektions-Differential. Dies führt zu einem Wechsel des Verhaltens bei den Gruppenmitgliedern von 2 und einem Kooperationsanteil der Gesamtgruppe von 15%. Dies ist auch für die am besten gestellte Gruppe nicht mehr ausreichend und vollständige Defektion ist das Ergebnis.
- Des weiteren können Mitglieder von Subgruppen mit geringem Kooperations-Defektions-Differential durch ihre Versuche, ihre Ergebnisse zu verbessern, einen negativen Rückkopplungsprozeß auslösen, der zum schrittweisen Verfall der Norm führen kann. Dies wird davon abhängen, wie heterogen die Gruppe ist und wie groß der Abstand zwischen den Schnittpunkten der Gruppen ist. Je heterogener eine Gruppe ist, desto mehr Schnittpunkte gibt es, die nahe beieinander liegen und durch negative Rückkopplung übersprungen werden können.
- Durch die Reaktionsweise der Rückkehr zu individuellen Lösungen nehmen unzufriedene Akteure Einfluß auf das Kooperations-Defektions-Differential aller Gruppenmitglieder. Dies kann in zweierlei Hinsicht die Stabilität einer informellen Institution gefährden. Wechseln immer mehr Mitglieder zu individuellen Lösungen, sinkt das Kooperations-Defektions-Differential für alle immer mehr ab. Es können sich mehrere Individuen durch individuelle Lösungen gruppieren und gemeinsam Widerspruch leisten und so eine Veränderung der informellen Institutionen erreichen.
- Die drei Einflußgrößen für das Kooperations-Defektions-Differential sind miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig. Das Verschieben des Schnittpunktes kann dazu führen, daß für Gruppenmitglieder gilt U(C)<EU (Alternative), für die vor dieser Verschiebung galt, daß U(C)>EU (Alternative). Umgekehrt wird durch Akteure, die zu individuellen Lösungen zurückkehren, der Schnittpunkt für alle verschoben. Wechseln immer mehr Akteure zu einer der drei Handlungsalternativen, erhöht das die Unsicherheit und damit die zufälligen Fluktuationen. Dies gefährdet jedoch wiederum in Kombination mit Veränderungen der Position des Schnittpunktes die Stabilität der informellen Institutionen.
